Sechs Wochen Sommerpause – und zack, schon klopft der Herbst an die Tür. Ehrlich gesagt: Das ist für mich immer die härteste Zeit im Jahr. Ich spüre die Winterdepression schon im Nacken sitzen, auch wenn draußen noch die letzten warmen Sonnenstrahlen durch die Bäume blitzen. Aber erstmal von vorne: Die letzten Wochen waren durchwachsen.
Wir hatten einen wirklich schönen Urlaub im Schwarzwald. Mal rauskommen, mal an nichts denken müssen, einfach nur die Natur genießen – das hat richtig gutgetan. Das Wetter hat mitgespielt und als Andenken hängt jetzt eine Kuckucksuhr in unserem Wohnzimmer. Ja, ganz klassisch Schwarzwald – und jedes Mal, wenn der Vogel aus der Tür springt, denke ich daran, dass es auch Momente gibt, in denen das Leben leicht sein darf.
Doch natürlich ist nicht alles „Friede, Freude, Eierkuchen“, wie es Social Media gern vorgaukelt. Ich habe mir geschworen, hier ehrlich zu schreiben – und zwar mit allen Höhen und Tiefen. Die letzten Wochen war ich oft in einem Stimmungstief. Ich habe mich gefragt, warum ich so hart bestraft wurde, habe über meinen Freitod nachgedacht, über das Aufgeben. Für mich war Freiheit und Unabhängigkeit immer das Wichtigste im Leben – und genau das ist mir mit ALS Stück für Stück genommen worden. Aufgeben ist keine Lösung, sage ich mir. Aber manchmal klopft genau dieser Gedanke an, und das macht mich fertig.
Dazu kommt, dass der Winter bevorsteht: Grau, kalt, dunkel. Ich habe beschlossen, Antidepressiva auszuprobieren. Besser weiß ich es nicht, aber ich hoffe, es bringt mir zumindest ein kleines bisschen Stabilität.
Pflege: mein Dauer-Baustellen-Thema
Neben der Krankheit ist es immer wieder die Pflege, die mich belastet. Ich bin auf 24-Stunden-Pflege angewiesen, habe aber bis heute kein festes Team. In fünf Tagen sind hier fünf verschiedene Leute im Einsatz – das musst du dir mal vorstellen. Jeden Monat neue Gesichter, und die Qualität schwankt extrem. Wir haben extra ein Pflegezimmer eingerichtet, mit Gästetoilette und allem Drum und Dran, damit niemand zwölf Stunden lang neben mir im Wohnzimmer sitzen muss. Aber was nützt das, wenn sich keiner verantwortlich fühlt?
Urlaub, Technik und ein kleines bisschen Luxus
Aber genug gejammert – ich will auch die schönen Dinge erzählen. Unser Urlaub im Schwarzwald war toll, und mein Bus läuft ebenfalls sehr gut. Ich habe mir sogar eine 230-Volt-Steckdose einbauen lassen. Noch nicht getestet, aber allein die Option fühlt sich wie ein kleines Stück Freiheit an. Der Wandler hat 200 Euro gekostet, der Einbau 500 – ja, da bekommt man schon mal Schnappatmung, aber so ist das eben.
Und dann war da unsere Grillparty – ein voller Erfolg! Fast alle waren da, überall wurde geredet, gespielt und gelacht. Warum machen wir Menschen das nicht viel öfter? In südlichen Ländern gehört das Zusammensein mit Familie und Freunden fest zum Alltag. Hierzulande ist alles so gehetzt und in sich gekehrt. Ich wünschte, wir würden mehr voneinander haben.
Ein weiteres Highlight in den letzten Wochen war unser Besuch auf dem Wikinger-Markt in Steinfurt. Für mich war es super praktisch, dass ich mit dem Bus direkt vor dem Eingang parken durfte – so blieb mir der weite Weg erspart. Auf dem Markt selbst gab es so viel zu sehen: authentische Stände, Handwerkskunst, Schaukampf-Vorführungen und die ganze Atmosphäre, als wäre man direkt in die Zeit der Wikinger versetzt. Ich habe es sehr genossen, einfach zwischen den Ständen zu schlendern, die Details zu bestaunen und die besondere Stimmung aufzusaugen. Solche Ausflüge zeigen mir immer wieder, dass trotz Einschränkungen noch viele schöne Momente möglich sind.
Einer meiner absoluten Lieblingsorte ist die Wasserkuppe in der Rhön – und dort durften wir kürzlich wieder ein paar Stunden verbringen. Für mich waren diese Momente besonders wertvoll: Fünf Minuten lang war ich ganz allein und konnte den Ausblick genießen, einfach nur die Landschaft, die Weite und die frische Luft auf mich wirken lassen. Es war unbeschreiblich, wie viel Kraft und Ruhe einem so ein Augenblick geben kann. Danach fühlte ich mich, als hätte ich kurz die Zeit angehalten – ein kleines Geschenk mitten im Alltag.
Pläne für Herbst und Winter
Wir wollen es uns in den kommenden Monaten schön machen – Musicals besuchen, Weihnachtsmärkte erleben. Erfurt soll zum Beispiel ganz toll sein. Hast du Tipps? Schreib mir gern einen Kommentar. Ach ja, mein Sitzsack ist nach neun Monaten endlich geliefert worden! Eine Mail an die Geschäftsführung des Sanitätshauses hat es möglich gemacht. Traurig ist nur, dass es immer erst so weit kommen muss. Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, dauern ewig – und wenn man Druck macht, geht es plötzlich in zwei Tagen.
Arzttermine und Perspektiven
Ich habe noch keinen neuen Termin für die ALS-Ambulanz gemacht, der Arztbrief fehlt auch noch – irgendwie läuft alles zäh. Und ich überlege, ob ich im Winter nur noch alle zwei Wochen bloggen soll. Ich liege viel im Bett, weil die Pflegesituation oft so angespannt ist. Früher war ich täglich draußen, voller Energie. Heute bin ich schon froh, wenn ich jeden Tag ordentlich gewaschen werde und im Rollstuhl sitzen kann. Perspektiven verschieben sich, das ist eine der großen Lektionen mit dieser Krankheit.
Neulich habe ich einen Bericht gesehen: In Deutschland wird Pflege für viele bald unbezahlbar. Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, müssen im Alter trotzdem Sozialhilfe beantragen. In Dänemark ist das anders – dort wird Pflege steuerfinanziert, niemand muss zum Sozialamt gehen, um Grundbedürfnisse abzusichern. Bei uns dagegen sind Menschen oft nur ein Kostenfaktor. Gerade die Diskussion, die Pflegestufe 1 abzuschaffen, zeigt wieder, wie wenig verstanden wird, dass dahinter echte Schicksale stehen. Es betrifft uns alle: Vier von fünf Männern und fünf von sechs Frauen werden im Laufe ihres Lebens pflegebedürftig. Das ist keine Randerscheinung – das ist unsere Realität.
Zum Schluss
So, das war meine Woche 18 inklusive Sommerpause – eine Mischung aus schönen Momenten, ernsten Gedanken und den täglichen Kämpfen mit Pflege, Krankheit und mir selbst.
Ich verabschiede mich für heute. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, bis hierhin zu lesen. Schreib mir gern deine Meinung in die Kommentare – jede Meinung zählt. Wir hören uns nächste Woche wieder.





4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
Lieber Alex
Du hast wieder viel erlebt – Ermutigendes aber auch Bemühendes, wie die Sache mit dem Sitzsack. So eine lange Lieferzeit – völlig unnötig. Man merkt, dass in den Ämtern niemand wirklich eine Ahnung hat, welche Erleichterung solche Hilfsmittel bringen können. Da hocken lauter „Gesundis“ im Büro, für die wir Menschen mit Behinderung bloss eine Nummer sind.
Ich lese auch, wie gern Du in die Berge gegangen bist – oh, das kann ich Dir nachempfinden – ich liebe die Berge aber auch den Bodensee, wie Du. Wusstest Du, dass es für gehbeinträchtigte Menschen eine Möglichkeit gibt, wieder in bergiges Gelände zu kommen: Google mal nach Joëlette. Und viele Bergbahnstationen (zumindest in der Schweiz) bieten heute die Miete eines Dualskibobs an – was Du dann noch brauchst ist ein Dualskipilot. Das Brevet kann man bei etlichen Wintersportorten erwerben. So hättest Du die Möglichkeit, nochmals Ski zu fahren – natürlich ist es nicht das selbe, wie wenn man auf eigenen Beinen steht und losdüst, aber wie Du sagst, mit den Anforderungen wächst der Mut, mal was neues auszuprobieren und wo sich Grenzen verschieben geht es doch oft anders weiter. Viele liebe Grüsse und gute Gedanken sendet Dir für heute Bea aus der Schweiz
Hallo Alex – nochmals zu der Sache mit den Perspektiven – das habe ich in ähnlicher Form auch mal als Gedicht verarbeitet – evtl. ist es ähnlich, wie Du das empfindest
Entwicklungen
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Die ganze Qualität eines Lebens
wird an Entwicklungen
und Fortschritten gemessen,
an den Möglichkeiten weiter zu kommen , geistig und körperlich,
sich zu artikulieren,
sich wo nötig anzupassen
und sich wann immer möglich zu profilieren.
Wer an Ort und Stelle bleibt,
egal ob selbstgewählt oder nicht,
gilt schon als zurückgeblieben und behindert.
Meine Krankheit steckt mir einen Rahmen,
engt das Ausmass von Entwicklungen beträchtlich ein
und doch komme ich immer weiter.
Entwicklungen
das sind nicht nur die vielgepriesenen Fortschritte
immer besser werden im Beruf
immer weiter reisen in den Ferien
immer höher kommen in der Lohnklasse.
Wo der Rahmen eines Lebens gesteckt ist
da orientieren sich die Entwicklungen
in eine andere Richtung
da werden Fortschritte immer häufiger
Tiefblicke
Bea, 2001
Hallo Alex,
mit Interesse habe ich deine Zeilen nach der Sommerpause gelesen. Ich finde es Klasse, wie ehrlich du schreibst. Ich bin mir sicher, das erleichtert dich selbst auch ein Stück weit. Ja, das Verzagen, das Verzweifeln wird immer wieder kommen, dass ist völlig normal, lass es zu, lass es raus, alle Gedanken darfst du denken, lass es vorbeigehen. Aber gib nicht auf, so schreibst du ja auch! Hm … besonders, da du ein so freiheitsliebender Mensch bist, ist es schwer, ja, es ist ein unglaublich schweres Schicksal mit dieser Krankheit, die dir alle Fähigkeiten nimmt!
Ich schreibe dir das erste Mal: ich bin weiblich, 57 Jahre und habe seit meiner Kindheit n u r rezidivierende Depressionen und nehme seit 25 Jahren Venlafaxin, ein AD. Es hilft mir sehr, gerade durch diese Winterzeit. Lass dich beraten, versuche alles, damit es dir besser geht psychisch, dann wirst du auch alles andere besser ertragen – völliger Mist ist das, was du zur Pflege beschreibst, betr. wechseldem Personal. Ich werde dich weiter verfolgen und wünsche dir alles Gute!
Liebe Grüße Ulrike
Hallo Ulrike,
vielen Dank für deine lieben Worte und dass du dir die Zeit genommen hast, zu schreiben. Es tut richtig gut zu lesen, dass du meine Zeilen nach der Sommerpause mit Interesse verfolgt hast. Deine Worte über das Zulassen von Gefühlen und Gedanken treffen genau, was ich oft empfinde – und ja, es erleichtert ein kleines Stück, darüber zu schreiben.
Es ist schön zu hören, dass dir dein AD hilft und du damit durch die Winterzeit kommst. Solche Stabilität ist Gold wert, gerade in Zeiten, in denen alles andere so unsicher ist.
Du hast recht: ALS nimmt sehr viel, besonders für jemanden, der Freiheit und Selbstbestimmung schätzt. Trotzdem ist es wichtig, die kleinen Momente zu genießen, sich über kleine Erfolge zu freuen und, wenn möglich, humorvoll durch die Hürden zu gehen.
Danke auch für dein Mitgefühl bezüglich der Pflegeproblematik – das ist wirklich ein ständiges Auf und Ab. Aber ich bleibe dran, versuche die Kontrolle, die mir noch bleibt, zu nutzen und auch diese kleinen Alltagsmomente zu genießen.
Ich freue mich, dass du mich weiter verfolgen willst. Es ist motivierend zu wissen, dass da Menschen wie du sind, die mitlesen, mitfühlen und einfach da sind.
Liebe Grüße
Alex