Ich habe echt Glück gehabt – Ich bin durch 32 Länder gereist – mit 38 Jahren, mehr als viele andere in ihrem ganzen Leben bereisen. Ich war in Tokio und Tansania, bin durch Australien gereist, habe den Geruch von Garküchen in Bangkok eingeatmet und bin durch Altstädte geschlendert, in denen die Zeit stillzustehen schien. Ich habe Sonnenaufgänge in Wüsten gesehen, bin durch nächtliche Metropolen gefahren und habe mich oft einfach treiben lassen – ohne Plan, aber mit offenen Augen.

Heute reise ich anders. Oder vielleicht besser gesagt: Ich reise nicht mehr. Zumindest nicht physisch. Seit meiner ALS-Diagnose ist mein Bewegungsradius deutlich kleiner geworden. Das Flugzeug, der Nachtbus, das unebene Kopfsteinpflaster in Palma – all das ist für mich in weite Ferne gerückt.
Und trotzdem spüre ich: Die Reisen von früher leben in mir weiter. Sie haben mich geprägt, verändert – und sie helfen mir heute, mit meinem veränderten Alltag umzugehen.
Was ich aus der Zeit davor mitgenommen habe
Die Zeit des Reisens war eine Schule des Lebens. Ich habe gelernt, dass ich mich auf mich selbst verlassen kann – egal ob ich mich gerade in einem überfüllten Bahnhof in China wiederfand oder im Outback von Australien. Auf Around-the-Planet.de habe ich 2018 begonnen meine Erlebnisse niederzuschreiben, so wirklich Zeit habe ich mir als gesunder Mensch dazu nie genommen.
Ich habe erfahren, wie wunderbar unterschiedlich Menschen sein können – und wie ähnlich wir uns im Kern trotzdem sind. Überall wurde ich neugierig angesehen, oft herzlich empfangen. Diese Offenheit hat sich tief in mir verankert.
Ich habe erlebt, dass es keine perfekten Bedingungen braucht, um etwas zu wagen. Dass man einfach losgehen kann. Dass man manchmal nur das Nötigste braucht – und wie wenig davon materiell ist. Deshalb pack deinen Rucksack und los geht’s!
Diese Erkenntnisse begleiten mich heute. In einem Alltag, der nicht mehr spontan ist. In einem Körper, der nicht mehr macht, was ich will. Aber in einem Herzen, das sich erinnert.
Was heute anders ist
Heute reise ich nicht mehr spontan los. Ich brauche Planung, Unterstützung, Pflege, Technik. Aber was sich verändert hat, ist nicht nur das „Wie“, sondern auch das „Warum“.
Früher war ich getrieben vom Wunsch, möglichst viel zu sehen. Ich wollte Länder abhaken, Orte „machen“. Heute weiß ich: Es geht nicht ums Abhaken, sondern ums Eintauchen.
Ich entdecke Dinge in meiner Nähe, die mir früher nie aufgefallen wären. Ich schaue bewusster. Und ich reise innerlich – durch Erinnerungen, Bilder, Gespräche.
Ich bin nicht mehr der Backpacker von damals. Aber ich bin immer noch Entdecker. Nur eben auf andere Weise.
Was Reisen mir heute noch bedeutet
Wenn ich heute alte Fotos anschaue oder Chats von früher lese, reise ich in Gedanken zurück. Ich kann den salzigen Wind in Dänemark fast riechen, höre das Hupen auf Bali, spüre das Flimmern der Hitze über der Wüste von Ägypten.
Ich glaube, Reisen endet nicht mit der Bewegung des Körpers. Es endet, wenn wir aufhören zu staunen. Wenn wir den Blick für das Neue verlieren. Und den habe ich nicht verloren.
Ich entdecke Geschichten. In Gesprächen mit Menschen, online, in Erinnerungen. Ich reise in Bücher, durch Musik, durch Filme. Und manchmal reicht schon der Geschmack von Milktea bei Café Mosaik in Lauterbach um mich zurück nach Peking zu versetzen.

Was bleibt – und was mich trägt
Natürlich fehlt mir das Reisen. Natürlich gibt es Tage, an denen ich mir wünsche, einfach aufzubrechen, ohne Limit. Aber an diesen Tagen erinnere ich mich daran, wie viel ich schon gesehen habe – und wie viel davon in mir weiterlebt.
Meine Reisen haben mich gelehrt, dass es nicht auf die Distanz ankommt, sondern auf die Tiefe. Und dass jeder Ort ein Abenteuer sein kann – selbst das eigene Zuhause, wenn man den Blick verändert.
Ich habe gelernt, dass ein Perspektivwechsel manchmal mehr verändert als tausend Kilometer Entfernung.
Die Welt bleibt offen
Ich reise nicht mehr mit dem Flugzeug – aber mit Gedanken, mit Geschichten, mit Gefühlen. Ich lerne weiter, staune weiter, verbinde mich mit der Welt. Vielleicht sogar mehr als früher.
Denn ich weiß heute: Reisen beginnt im Kopf. Und manchmal reicht ein einziger Moment, um die Welt wieder ein bisschen größer zu machen.
„Ich reise nicht mehr durch Länder – aber durch Erinnerungen, Gedanken und Geschichten. Und manchmal reicht das, um das Herz wieder auf Wanderschaft zu schicken.“




